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ADHS - betrifft das mein Kind?
Die vier Buchstaben ADHS sind heute allen Eltern bekannt. Weniger klar ist den meisten Menschen, was ADHS eigentlich bedeutet. Und ob das eigene Kind davon betroffen ist.
Der Begriff ADS steht für Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, der Begriff ADHS für Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom mit Hyperaktivität. Obwohl es diesen Begriff erst seit den 90'ger Jahren gibt, ist das damit beschriebene Problem schon sehr alt. Die früheren Begriffe hießen in Deutschland zuletzt MCD (minimal cerebral dysfunktion) oder in der Schweiz POS (psycho-organisches Hirnsyndrom). Das kurz zu den Begriffen.
Kinder - wie übrigens auch Erwachsene - sind in ihrem Temperament sehr unterschiedlich. Schon bei Neugeborenen gibt es sehr große Unterschiede, wobei die Aktivität von Kindern sich im Laufe der Jahre stark ändern kann. Lebhafte Kinder und Kinder mit Unruhe sind uns allen gut bekannt - ein ADHS haben sie deswegen nicht unbedingt. Das ADHS ist ein komplexes Beschwerdebild, das sich im Ausmaß und in der Stärke der Symptome vom gesunden unterscheidet. Man beurteilt drei Kernschwächen:
1. Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwächen
2. impulsives Verhalten
3. gesteigerte Unruhe
Typisch für Kinder mit ADHS sind sehr kurze Konzentrationsspannen. Selbst bei Dingen, die sie mögen, verharren sie nur kurz und lassen sich durch andere Umgebungsreize schnell ablenken. Es reicht also nicht aus ein ADHS zu vermuten, wenn ein Kind beim Erledigen von Hausaufgaben nach wenigen Minuten aufgibt. Das machen viele aus den unterschiedlichsten Gründen. Auch ein ADHS-Kind macht dies, hat aber dabei weitergehende Aufmerksamkeitsstörungen.
Kinder mit ADHS sind sehr impulsiv. Sie beginnen eine Aufgabe, noch bevor sie ihnen in allen Konsequenzen klar ist. Es fällt ihnen schwer, mit eigenen Kommentaren zurückzuhalten - sie platzen oft aus sicher heraus und stören dabei andere.
Ihr Körper ist oft in Bewegung, sie stehen gerne auf, laufen herum, rutschen auf ihrem Sitz herum und ähnliches. Dies wurde oft mit dem "Zappelphilipp" verglichen, der aber streng genommen kein Kind mit ADHS war.
Die drei oben genannten Auffälligkeiten durchziehen den gesamten Alltag der Kinder. Nicht nur in der Schule, sondern auch zuhause und bei Freunden. Das erschwert ihnen soziale Kontakte recht oft, sie sind oft nicht sehr beliebt, weil sie sich nicht nur in der Schule sondern auch im Freundeskreis durch ihre Störung nicht an die sozialen Regeln halten. Besonders auffällig werden sie dann, wenn lange und ruhige Konzentration gefordert wird (in der Schule, in der Kirche, beim Mittagessen).
Das ADHS hat genetische Ursachen. Man kann also heute im Gehirn nachweisen, dass die sog. Neurotransmitter bei Menschen mit ADHS einem anderen Muster folgen als bei anderen.
Das ADHS wird - wie unser gesamtes Verhaltensmuster - durch Schwangerschaft, Geburt und das Säuglingsalter stark mitbedingt. Und auch die Umgebung hat starken Einfluss auf unser Verhalten - positiv und negativ.
Unruhige Kinder gibt es heute sehr oft. Das ist auch nicht verwunderlich. Die Flut an Reizen hat in der letzten Zeit extrem zugenommen. Während noch vor 15 Jahren viele Kinder gerade bei uns auf dem Lande sehr viel in der Natur spielten (im Garten, auf dem Feld bei den Eltern oder auf einer wenig befahrenen Strasse), haben heute die neuen Medien Einzug gehalten, die die Kinder immer früher erreichen. Fernsehen rund um die Uhr, game-boy und Computer mit einer Vielfalt an schnellen (!!) Spielen fordern von unseren Kindern schon früh Fähigkeiten, die sie kaum haben:
1. Auswahl von Reizen. Ich entscheide mich für die Hausaufgaben. Ich lasse also meinen game-boy neben mir liegen, das Radio ist ausgeschaltet, meine Geschwister nehmen Rücksicht auf mich und wenn das Telefon klingelt sage ich meinem Freund "Ich kann noch nicht". Mal ehrlich, welcher Erwachsene macht das konsequent für sich selbst?
2. Ich entscheide mich als Kind dafür mit meinem Freund in den Wald zu gehen und nach geraden Stöcken zu schauen, aus dem wir Pfeile schnitzen wollen (die gerade laufende Fernsehserie lasse ich ausfallen, mein Bruder soll am Computer sein Spiel alleine spielen; das nächste level beim game-boy-spiel kann ich ja versuchen, wenn's bald regnet).
Ganz schön schwierig. Und eigentlich muss man erstaunt sein, wie viele Kinder in dieser Situation noch einen ordentlichen Mix an Freizeit hinbekommen - zwischen den Herausforderungen der Natur, der Familie und den Medien.
Und alle anderen werden schnell unbequem. Und treffen angesichts von Klassen mit über 30 Schülern und gestressten Eltern (die die gleiche Reizüberflutung wie ihre Kinder erleben und ertragen müssen!) auf ein Umfeld, das ihnen mit Ruhe, gezielter Führung und Zuneigung selbst kaum helfen kann.
Das ADHS ist tritt also nicht schlagartig auf. Seine Symptome entwickeln sich über einen längeren Zeitraum. Das Erscheinungsbild kann sehr unterschiedlich sein, ist aber immer durch die drei oben genannten Grundstörungen geprägt.
Daraus wird klar, dass vor jeder Therapie immer die Diagnose stehen sollte. Diese kann mit Hilfe verschiedener Testverfahren von spezialisierten ÄrztInnnen (meist Kinder- und Jugendpsychiatern) gestellt werden. Die Diagnosefindung erstreckt sich über viele Stunden. Bei dieser Untersuchung werden andere Erkrankungen, die ein ähnliches Bild zeigen können, ausgeschlossen.
Das ADHS ist immer eine langfristige Störung, die bei vielen bis ins Erwachsenenalter anhält, dann aber mit einer anderen Symptomatik, die für Außenstehende meist nicht als krankhaft empfunden wird. Bei allen Überlegungen muss also klar sein, dass eine kurzfristige Beseitigung der Symptome das eigentliche Problem des Kindes nicht ändert. Alle therapeutischen Überlegungen sollten auf einem langfristigen Behandlungsplan beruhen.
Daraus wird auch verständlich, dass es eine einfache Therapie nicht geben kann. Vielen Menschen fällt beim Stichwort Therapie "Ritalin" ein, ein Medikament, das beim ADHS Anwendung findet (siehe weiter unten). Diese Arznei ist aber nur eine kleine Facette der sog. multimodalen Therapie. Entscheidend ist, dass in die therapeutischen Bemühungen alle Gruppen einbezogen werden, die mit dem Kind betreut sind: Eltern, Lehrer, Kinder- und Jugendarzt sowie Fachleute (Kinder- und Jugendpsychiater, Psychologen u.a.).
Es gibt zur Zeit viele Konzepte. Ein schlüssiges Konzept sollte anlehnend an die Empfehlungen der American Academy of Pediatrics folgendes umfassen:
- Eingehende Aufklärung der Eltern, des betroffenen Kindes und wichtiger Bezugspersonen über das Krankheitsbild des ADHS. Daneben Koordination der Beteiligten.
- Arzt und Eltern stellen zusammen mit der Schule einen Therapieplan auf und formulieren die Behandlungsziele
- Um die Behandlungsziele zu erreichen sind Stimulantien bzw. eine Verhaltenstherapie zu überlegen.
Stimulantien: Darunter versteht man eine Gruppe von Medikamenten, deren Einsatz zu einer Besserung der "störenden" Symptome führt und es vielen Betroffenen ermöglicht, beispielsweise eine deutlich längere Aufmerksamkeitsspanne zu erreichen.
Klassische Medikamente sind: Methylphenidat (Ritalin und Medikinet ) bzw. Amphetamin.
Diese Medikamente haben auch unerwünschte Wirkungen, die bei einzelnen Kinder erheblich sein können, bei anderen eher gering.
Die Dosisfindung ist individuell und weder gewichts- noch altersbezogen. - Wenn die Behandlungsziele nicht erreicht wurden, muss die Diagnose überprüft und andernfalls ein neues Behandlungskonzept erstellt werden.
- Regelmäßiges "follow-up" in Bezug auf die Behandlungsziele durch systematisches Nachfragen bei Lehrern, Eltern und Kind
In unserer Gegend ist das therapeutische Angebot für Kinder mit ADHS eher gering. Das bedeutet, dass auf der einen Seite Abstriche beim Therapieumfang (Psychotherapie u.a.) gemacht und auf der anderen Seite längere Fahrwege in Kauf genommen werden müssen, um erfahrene Therapeuten zu erreichen.
Ob ein ADHS geheilt werden kann, wie wir uns das wünschen, ist bis heute nicht klar. Dafür fehlen Langzeitstudien, die weitere Aufschlüsse geben. Es gibt aber ein breites Spektrum von Therapien, die es für jeden Betroffenen ermöglichen einen Weg zu finden, besser im Alltag zu bestehen.