gesundheitspolitik  GESUNDHEITSPOLITIK - EBM

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Unter diesem Kürzel (EBM) wurde bisher der 'Einheitliche Bewertungs-Maßstab', als die ärztliche Gebührenordnung verstanden. Mittlerweile hat sich die Globalisierung auch hier ausgewirkt und EBM heißt nun: evidence based medicine, auf Deutsch also (auf) "Evidenzbasierte Medizin", irgendwie ein schreckliches Wort, jedoch mit spanndendem Inhalt.

Sie alle wissen, wie schwierig Medizin manchmal sein kann. Sie gehen am Donnerstag mit einem Ausschlag zum Arzt Dr. A, der Ihnen sagt, das ganze sei garnicht so schlimm, das sei eine Allergie. Sie sollten unbedingt Calcium nehmen, das helfe. Aber es hilft nicht und Sie suchen am Wochenende Arzt Dr. B auf,der Ihnen mitteilt, es handele sich um eine Nesselsucht, ausgelöst durch ein Medikament, dass Sie bis vor wenigen Tagen eingenommen hatten und es seienkeine weiteren Maßnahmen nötig.

Das haben Sie sicher schon erlebt und viele Patienten kennen noch extremere Situationen und fragen sich, warum sagt der eine Arzt, ein Antibiotikum seiunbedingt nötig und der andere, ein Antibiotikum sei bei der selben Krankheit völlig unsinnig.

Zunächst einmal ist die Ausbildung jedes Arztes an einer deutschen Universität die gleiche. Aber nach dem Examen, wenn der frische 'Dr. med' seineArbeit aufnimmt, trennen sich die Wege. Der eine macht weiter Fortbildungen, der andere nicht; der eine arbeitet in einer Klinik, der ander in einer Praxis;der eine wird Naturheilkundler, der andere Wissenschaftler - und weil in der Medizin vieles nicht gesichert ist, stehen manche Ärzte dann einfach malhin und behaupten etwas mit mehr oder weniger großer Inbrunst. Der britische Artz Archie Cochrane hat 1972 erstmals auf diesen Umstandhingewiesen und die Basis dafür gelegt, was man heute EBM nennt. Kurz zusammengefasst versteht man darunter:

Integration der
besten verfügbaren externen Evidenz
mit der
persönlichen klinischen Erfahrung
und den
Patientenwünschen
bei Entscheidungen über die medzinische
Versorgung einzelner Patienten

Zunächst muss ich als Arzt die 'beste verfügbare externe Evidenz' kennen. Für eine eitrige Mittelohrentzündung des Kindesist beispielsweise bekannt, dass eine Gabe abschwellender Nasentropfen keinen Erfolg hat. Nachdem ich das weiß (durch Literaturstudium,Kongresse u.ä.) und beispielsweise Olynth® nicht mehr einsetze sammle ich die 'persönliche klinische Erfahrung', dass tatsächlichauch in meiner Praxis Olynth® keinen Erolg bringt. Der fünfjährige Bub mit der Mittelohrentzündung äußert aber den'Patientenwunsch', dass man ihm doch helfe, er bekomme immer so schlecht Luft durch die Nase. In diesem Fall werde ich also doch Olynth®verordnen, weile es in diesem individuellen Fall sinnvoll ist, obwohl alle Studien und auch meine Erfahrungen dagegen sprechen.

EBM hat als Grundlage für die Entscheidung also immer:

  • die Studienlage - was ist wissenschaftlich durch gut gemachte Studien abgesichert?
  • die persönliche Erfahrung des einzelnenArztes aus seinem bisherigen Handeln
  • und den Patientenwunsch, der ggf. von den ersten beiden Punkten abweichen kann

Erst alle drei unter einen Hut gebracht ergeben eine begründete und sinnvolle Entscheidung. Das setzt aber immer voraus, dass der Arzt die Studienlage injedem Einzelfall kennt. Und das bedeutet wiederum: viel lesen, oft auf Kongresse gehen, viel informieren. Auch Sie wissen aus der Presse, dass

  • ...Krankheiten ihren Stellenwert immer wieder ändern. Ein Beispiel: bis vor sieben Jahren gab es in unserem Gebiet keine FSME, heute schon.Deswegen war eine FSME-Impfung im Jahre 1997 in Pfullendorf wenig sinnvoll, heute ist sie es doch.
  • ...die Behandlung von Krankheiten sichändert: z.B. zeigen viele Studien der letzten zehn Jahre, dass eine Therapie der Mittelohrentzündung in vielen Fällen nicht sinnvoll ist.Ich kann eine richtige Entscheidung also nur treffen, wenn ich den Inhalt dieser Studien kenne, die je nach dem Alter des Kindes und der Krankheitssymptomeeines Kindes unterschiedlich ausfällt.
  • ...politische Rahmenbedingungen sich ändern: so wird Lisino® aus ökonomischen Gründenvom Hersteller vom Markt genommen und durch Aerius® ersetzt (= dreifacher Gewinn für das Pharmaunternehmen), Patienten erleben Aerius® jedoch inder Mehrheit als weniger wirksam.

Bis also ein Rezept ggf. ausgestellt wird, müssen viele Kriterien beachtet werden, abgesehen davon, dass auch Fragen der Budgetierung, derVerschreibungsfähigkeit, der Kontraindikationen u.a. mit einbezogen werden müssen.

Das macht eine gute Medizin manchmal schwierig, aber zugleich spannend und für Ihr Kind als Patient auch erfolgreicher. Denn um das letztere geht esja eigentlich, auch wenn die ganzen Diskussionen der letzten Monate einem einreden mögen, es gehe ums Geld. Ich persönlich sage weiterhin: auchwenn wir in Deutschland die Medikamentenausgaben weiter senken, können wir immer noch eine gute Medizin machen. Wir müssen nur den Mut haben,unsinnige Medikament auch als unsinnig zu benennen und nicht zu verordnen (bzw. einzunehmen). Immerhin schaffen es die Schweden mit einem Drittel anMedikamentenausgaben ihre Bevölkerung gesund zu halten! Mit diesem Drittel an Medikamenten leben die Schweden länger als die Deutschen.